Aus einer Längsschnittperspektive betrachtet, durchläuft ein physisches Produkt einen Produktlebenszyklus [5]. Eine bedeutende Epoche innerhalb des Produktlebenszyklus ist die eines dominanten Designs. Wenn eine Klasse von neuen Produktanwendungen entsteht, konkurrieren viele Designs, Prototypen oder Konfigurationen, um von der Industrie und ihren Interessengruppen ausgewählt zu werden.   Verschiedene Firmen schlagen unterschiedliche Designs vor.   Letztendlich setzt sich ein bestimmtes Design durch und wird zum Industriestandard, der sich stabilisiert, so dass andere komplementäre Bemühungen oder Arbeitsteilungen, d. h. wer was macht, koordiniert werden können. Aus Sicht der Innovation, bevor das dominante Design eingetroffen ist, sind die Innovationsbemühungen der Firmen darauf gerichtet, die Wahrscheinlichkeit zu maximieren, dass ihr Design ausgewählt wird; diese können die Verbesserung der Produktfunktionalität, die Abschwächung des Preis-Leistungs-Verhältnisses und sogar die Koordination der Interessengruppen usw. umfassen. Nachdem sich ein dominantes Design durchgesetzt hat, liegt der Fokus auf der Verbesserung der Effizienz des Produktionsprozesses, einem optimierenden Akt über die gesamte Angebots- und Nachfrage- oder Wertschöpfungskette. Abbildung 1 zeigt, wie sich die Modalität der Innovation von der überwiegenden Produktinnovation zur Prozessinnovation vor und nach dem dominanten Design ändert. Dies lässt implizit den Schluss zu, dass, sobald sich ein Design stabilisiert hat, das Produktdesign und die Fertigungsprozesse ineinander verschränkt sind und eine konvergierende Konstellation ergeben.

Was sind also die Dynamiken der Produktinnovation? Ein Produkt setzt in der Regel eine Produktarchitektur voraus, die integral oder modular sein kann. Eine modulare Architektur ist so beschaffen, dass die verschiedenen Funktionalitäten des Produkts auf jeweils abgegrenzte Module abgebildet werden können, die durch eine Schnittstelle oder Informationsregel verbunden sind. Eine integrale Architektur ist eine solche, bei der eine solche Eins-zu-eins-Abbildung nicht existiert. Ausgehend von dieser Formulierung könnte die Innovation oder Neuerung eines Produkts auf der Modulebene oder auf der Architekturebene stattfinden. Im Allgemeinen ist die Innovation auf der Modulebene eher begrenzt und inkrementell, während die Innovation auf der Architekturebene radikal und disruptiv ist. Sie ist disruptiv, weil es eine neue Aufteilung der Funktionalitäten, neue Module und damit eine neue (Um-)Besetzung der Wertschöpfungskette geben wird. Für etablierte Unternehmen wäre es disruptiv (aufgrund von Trägheit), sich auf diese neue Realität neu auszurichten, da sie (zu) gut organisiert waren, um die aktuellen Kunden mit den bestehenden Produkten oder Wertangeboten effizient zu bedienen.

Fig 1

Kodama [7] schlug eine besondere Art von disruptiver Innovation vor, die als Technologiefusion bekannt ist. Er behauptete, dass etablierte Unternehmen Innovationen aus einer kombinatorischen Sichtweise heraus verfolgen können, indem sie Technologien von anderen Akteuren in anderen Sektoren integrieren, anstatt einen sogenannten Durchbruchsansatz zu verwenden, der sich auf ihre eigenen Forschungsanstrengungen innerhalb ihrer Grenzen stützt. Der (Technologie-)Fusions- oder Integrationsansatz ist von Natur aus nichtlinear (im Gegensatz zum linearen Durchbruchsansatz) und ähnelt im Geiste der offenen Innovation, bei der Technologien oder geistiges Eigentum von geeigneten Eigentümern importiert (einfließen) und an geeignete Empfänger exportiert (ausfließen) werden könnten [8]. Durch die Technologiefusion werden die architektonischen Aspekte der Produkte grundlegend verändert. Shibata et al. [9] haben die architektonische Entwicklung der numerischen Steuerung (NC) sorgfältig nachgezeichnet. Die NC begann mit einer fest verdrahteten Architektur mit Elektronik und fest verdrahteten Modulen und ging dann zu einer weich verdrahteten modularen Konfiguration über, die den Mikroprozessor mit einer stabilen Schnittstelle übernahm. Diese Schnittstelle wurde von der Firma Fuji Automatic NUmerical Control (FANUC, Kofu, Yamanashi, Japan) weiter bekannt gemacht und ermöglichte eine „Multi-Vendor“- oder offene Umgebung, was von größtem Interesse war, da NC als Produktkategorie mehrere Änderungen ihrer Architektur durchlaufen hatte. Im aktuellen Kontext wird dies zu einem neuen, dominanten Industriestandard führen und ein neues punktuelles Gleichgewicht hervorrufen, das eine neue Industriestruktur (die Multi-Vendor-Umgebung) und eine neue Iteration der Prozessinnovation auslösen wird. Wenn also eine Produktkategorie einen Generationswechsel durchläuft (z. B. von der ersten zur zweiten Generation usw.), würde jede neue Generation einen neuen Produktlebenszyklus auslösen, der Auswirkungen auf die etablierten Unternehmen der vorherigen Generation hätte.

Auch das Modell von Abernathy Utterback ist implizit ein geschlossener und konvergenter Innovationszyklus. Es gibt mehrere Aspekte des Modells, die erweitert werden könnten.   Erstens verlagern sich Fertigungsunternehmen nun zunehmend in den nachgelagerten Bereich und in Richtung Servitisierung ihres Produktangebots, um neue Umsätze zu erzielen, so dass der Gleichgewichts- oder Steady-State (d. h. das Einpendeln auf eine stabile Konstellation von Produkt- und Prozesskonfiguration) möglicherweise nicht mehr zutrifft. Die Fertigung (Prozesse) geht nun über die Herstellung des Objekts hinaus [1]. Zweitens haben die jüngsten Nachrüstungen des physischen Produkts mit Sensoren, Konnektivität und Intelligenz (z. B. Mikroprozessoren) dazu geführt, dass auch nach der Herstellung eines Produktartefakts unaufhörlich und kontinuierlich weitere Werte hinzugefügt werden können.

All dies deutet darauf hin, dass das klassische Abernathy-Utterback-Modell möglicherweise verfeinert werden muss, um solche neuen Produktrealitäten zu erfassen.

Referenzen und Open Access Hinweis

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Shum, K.; Kodama, F.; Shibata, T. Towards a Longitudinal Outlook on Industry Transition Management. J. Open Innov. Technol. Mark. Complex. 2020, 6, 79. https://doi.org/10.3390/joitmc6030079